Donnerstag, 18. Februar 2016

Das Rennpferd des kleinen Mannes

Man bezeichnet sie auch als die „Rennpferde des kleinen Mannes“. Vor allem bei uns im Ruhrpott genießen Brieftauben einen hohen Stellenwert. Oder besser: genossen. In den letzten Jahrzehnten weist die Zucht (vermutlich aufgrund einschlägiger McKinsey Studien) eine sinkende Tendenz auf, denn die Zahl der Taubenzüchter bei uns im Pott ist rückläufig. Noch in den 60er und 70er Jahren war die Taubenzucht total hipp und quasi DAS Gesprächsthema auf jeder größeren Festivität.
Im Norden meiner Heimat (dort, wo ich eigentlich Spielverbot hatte), beherbergte, gefühlt zumindest, jeder auf "ski" endende Familienname, also die Koslowskis, Schimanskis, Matuszewskis & solche, standesgemäß eine Taubenzucht. Eine richtig große. Jede Woche Treffen unter Gleichgesinnten; Fachsimpeln über Taubenveredelung, Ablösemethoden, Auflassplätze & Co...


So einen Taubenschlag befand sich bei uns im Pott entweder in einem Schrebergarten oder im Dachstuhl eines ollen Zechenhäuschens. Eines bekam ich vor einigen Wochen zu Gesicht. Ein ganz besonderes. Das Häuschen mitten im Ruhrpott war Anfang 2000 Drehort des Filmes "Harte Brötchen" mit Uwe Ochsenknecht und Katharina Thalbach. Den Film selbst hatte ich nie gesehen. Aber die Vorstellung, dass dieser schon seit Jahrzehnten verlassene Taubenschlag Filmkulisse gewesen sein mag, verlieh ihm trotz der vermutlich Millionen von (resistenten) Flöhen, Pilzsporen und Pestbazillen etwas ganz besonderes. Etwas nostalgisch, schönes, an die eigene Kindheit erinnerndes. 


Nicht, dass ich jemals Kontakt mit Flöhen gehabt hätte oder mein Nachname einer dieser mit "ski" gewesen wäre. Gott bewahre! Es war dieses Gefühl der 70er. Ganz authentisch und pur: an den Wänden hingen aus längst vergangenen Zeiten noch Flugtafeln mit Angaben von Entfernungen zur Ermittlung von Flugzeiten. Gleich daneben hing ein Metallgestell mit zahlreichen, gut sortierten Taubenringen. Ich wartete förmlich darauf, dass jeden Moment die gurrende Schar durch die zahlreichen Luken einfliegen würde (während mein Herzkönig und mein Grinsekätzchen ob meiner Euphorie etwas bedenklich die Stirn runzelten.).

Zu guter letzt las ich neben dem alten, blechernen Waschbecken des Taubenschlags folgendes:
Als wir wenige Tage später wieder unsere Heimreise antraten und auf der A2 das "wartende-Geier-Schild" passierten, schaute ich mir auf der Kamera nochmals die Fotos an und entschied, dass es bei mir mit dem Mut und der Geduld nun langsam ein Ende finden müsse. Ich möchte wieder nach Hause, ganz nach Hause - in meinen Pott!
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