Sonntag, 3. Januar 2016

Irgendwie fängt irgendwann, irgendwo die Zukunft an...

Ich erinnere mich noch genau an den Tag vor fünf Jahren, als wir den großen 40 Tonner mit all meinen Ruhrpott-Präziosen voraus schickten und uns zu dritt auf die Fahrt in ein neues Abenteuer einließen. Das Abenteuer Berlin. Oder besser: Berliner Vorstadt. (Ein himmelweiter Unterschied, wie ich erst jetzt weiß.)
Mein Herzkönig hatte im Vorfeld wochenlang mein "räumliches Packvermögen" belächelt und behauptete während der Umzugsplanung, ein 7,5 Tonner würde absolut ausreichen. Als Berufspendler kannte er meine Schrankesfülle und die eines kleinen Grinsekätzchens schlecht. 

Als wir am frühen Nachmittag das grandiose Gewucher des Ruhrpotts hinter uns ließen, überlegte ich, ob es richtig war, dem Umzug in die Peripherie der Hauptstadt zuzustimmen. Ja, ich erinnerte mich, ich hatte dem Umzug zugestimmt, auch wenn ich es nicht so gemeint hatte. Die Hormone hatten mein Hirn zerfressen, hatte ich doch erst zehn Monate zuvor unser kleines Grinsekätzchen zur Welt gebracht.
Sie saß ungrinsend, fast fauchend, in ihrem Kindersitz und verlangte nach Milch, während ihr die Palme aus dem Kofferraum, die nicht mehr in den Umzugswagen gepasst hatte, durch das Gesicht wedelte.

Die geschäftige A2 hob meine Laune nicht gerade. Überall nur Hinweisschilder "Achtung, Stau!", "soundsoviele Unfalltote in diesem Jahr" und ein Kampagnenschild am Straßenrand mit zahlreichen Aasgeiern auf einem Ast mit der Überschrift "Hallo Raser, wir warten."
Vermutlich sollten sie bewirken, dass wenn man ankommt, denkt: Es könnte schlimmer sein. Ich hatte verdammtes Glück, dass ich nicht tot bin!
Ja. Sie warteten. Stetig und beharrlich auf der A2. Jeden Tag. Und nicht nur auf Raser. Sie warteten auf mich, mein Leben. Mein Leben in der Ödnis der Berliner Vorstadt.

Der Radiosender spielte Nena´s 80er Jahre Song "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Ich fühlte, dass dieses Lied, das mich durch meine frühe Jugend begleitet und mir schier tosenden Applaus bei meiner ersten Jazzdance-Vorführung im Kinderhort eingebracht hatte, genau diesen Moment meines Lebens widerspiegelte:

Im Sturz durch Raum und Zeit, Richtung Unendlichkeit,
Fliegen Motten in das Licht, genau wie du und ich.
Irgendwie fängt irgendwann, irgendwo die Zukunft an, ich warte nicht mehr lang.
Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange nach,
Wir fahr´n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht.
Gib mir die Hand, ich bau Dir ein Schloss aus Sand,
Irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Die Zeit ist reif für ein bisschen Zärtlichkeit, irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Im Sturz durch Zeit und Raum, erwacht aus einem Traum,
Nur ein kurzer Augenblick, dann kehrt die Nacht zurück.
Gib mir die Hand....

Nun gut. Auf "Feuerrädern" fuhren wir nicht, sondern im eigens für das Grinsekätzchen angeschafften Großraummobil. Und auch das "Schloss aus Sand" entpuppte sich glücklicherweise als solide Vorstadtvilla aus den 1889ern. Also, warum so kleinlich?

Berlin, pardon: Berliner VORSTADT, schien mir als Ruhrpottmädchen die Unendlichkeit. (Der irritierte Leser mag jetzt denken "Mein Gott, war die etwa noch nie weg aus ihrer Heimat?". "Doch,", sage ich, "war ich. Aber niemals auf so unbestimmte Zeit....") Weit weg von meiner großen, verrückten Sippe und all meinen Freunden. Weit weg von meinem 24/7-Job, meinen lieben, stets mitleidenden Kollegen und der Geschäftigkeit meines bisherigen Alltags. 
Von Hundert auf nahezu Null: Vollzeitmutter, Homemakerin und Geiergejagte. "Kann das gut gehen?", fragte ich mich damals. 
Und "wird das noch gut gehen?", frage ich mich heute...
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