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Sonntag, 10. Juni 2018

Abschiedsvorstellung

Nun ist es amtlich: nach acht Jahren des Berliner Vorstadtlebens geht es in wenigen Wochen zurück in die Heimat! 
So recht kann ich mein Glück noch gar nicht fassen, denn die Vorstellung, dass mein (elendes) Heimweh nun gestillt wird - und zwar gemeinsam mit meiner Familie in einem wunderbaren Kaffeemühlenhaus aus den 30er Jahren am Stadtrand meiner Heimat - ist noch nicht greifbar und irgendwie surreal (mehr demnächst unter der Rubrik "der helle Wohnsinn"). 


Zeit also, sich von den lieben Menschen aus unserer Vorstadt zu verabschieden. Zeit für die Katze, ihren Mitstreiterinnen aus der Schule Lebewohl zu sagen. 
Ihr größter Wunsch war eine "rieeeesige Übernachtungsparty" mit großem Garten-Event, Spielen non-stop, leckerem Essen non-stop und des Nachts die Puppen tanzen zu lassen. Puppen tanzen lassen? Kann ich.

Wenn´s sonst nichts ist...

Das Problem einer Partyplanung dieses Ausmaßes ist die Tatsache, dass zum jetzigen Zeitpunkt bereits 80% unseres Wohnungsinventars in Umzugskartons verstaut ist und ich als detailverliebte Partyplanerin jetzt nicht mehr so rechten Zugriff auf meine Kreativ- geschweige denn Küchenecke habe.

Das Ergebnis meiner Improvisation und einer auch für uns großartigen, wenn auch sentimentalen, Abschiedsfeier, zeigt meine folgende Bilderwelt:

Aus emotionalen Gründen (denn die Katze ist zuweilen mehr als betrübt), wollte ich weniger den Abschied als vielmehr die Übernachtung in den Party-Vordergrund stellen und habe die Einladungskarten - ein wirklich schnelles DIY - als kleine pastellige Schlafmasken mit Glitzer kreiert, die mit Satinband und kleiner Gesichtsmaske versehen an alle Mädchen ihrer Klasse verteilt wurden.





Die Gesichtsmasken, deren "Quetschie"-Verpackung farblich perfekt zu den Einladungen passten, habe ich in einem Drogeriemarkt ausfindig machen können. "Get the Party started" ist wohl das beste Motto, das man kleinen Girlies mit den Einladungen reichen kann, oder?








Nach den Zusagen ging es in die Detailplanung; das Großartige des gewählten Partydatums war eindeutig, dass die Wetterprognosen 30 Grad, blauen Himmel und Sonnenschein verhießen. Perfektes Wetter also, um den Garten als Partylocation zu deklarieren.

Rund um den Bauwagen wurde geschmückt: die Rattanmöbel mit fluffigen Bezügen kamen wieder zum Vorschein, genauso wie zahlreiche Picknickdecken mit noch zahlreicheren Kuschelkissen (die eigentlich schon längst umzusgssicher verpackt waren). Girlanden in den Obstbäumen inclusive. Versteht sich ja von selbst. 






Eine Wasserrutsche und -krake, eine Wasserbombenschlacht, süße Verschnaufpausen und kleine sowie große Überraschungsaktionen standen auf der Tagesplanung.

Als die Kinder gegen Mittag bei uns zum 24h-Feiern eintrafen, stand außer Frage, sich sofort in die Badeklamotten zu werfen und eine Wasserrutschpartie in Angriff zu nehmen. Ausgelassen rangelten sie darum, wer den schönsten und längsten Bauchfletscher präsentieren kann. 




Verschnauf- und Snackpausen müssen sein. Gekühlte Melone am Stiel kommt da gerade recht!





Die Abschiedstorte für die Katze, die am Nachmittag gereicht wurde (und einem kleinen Küchenunfall zum Opfer fiel und daher nicht fotografiert wurde), war eine Schoko-Buttermilch-Buttercreme-Torte mit 2,5 Mio. Kalorien darin und kleinem Tischfeuerwerk in Form von Tortenfontänen darauf. Böse Umzugsgeister wird man bekanntlich mit lauten Feuerwerk sicher und zuverlässig los!

Danach gab es eine kleine Kreativaktion: ich hatte für die Mädels vorfrankierte Postkarten vorbereitet und sie gebeten, für das Grinsekätzchen ein Bild und ein paar gute Wünsche für die "neue Zukunft" zu verfassen.

Die kreativ bekritzelten Karten durften die Mädchen jeweils an einen bunten Helium-Ballon binden, dessen späterer Finder per Kurztext gebeten wird, die Karte in die Post zu geben, so dass die Grinsekatze in ihrer neuen Heimat mit hoffentlich vielen guten Wünschen ihrer Freundinnen empfangen wird.

Dass schwarze Katzen Unglück bringen, ist ein weit verbreiteter Irrglaube! In diesem Fall fungiert sie zweifelsohne als Glückskatze, die erinnern will: "ich werde Dich vermissen!"



Gemeinsam ließen wir die Ballons im Garten steigen.







Neben den bunten Ballons schwebte auch ein wenig Wehmut in der Luft.

Zum Abendbrot gab es aus pastellfarbenen Party-Einweggeschirr frisch gestampftes Kartoffelpürree mit Hackbällchen und einer leckeren Rahmsauce. Die Bilder zeigen: es hat gemundet, denn Gartentoberei macht irre hungrig.



Am späteren Abend wurde auf die Picknickdecke unter dem knorrigen Apfelbaum gebeten, wo Herzkönig unseren Fernseher platziert hatte und wir mit stilechter Kinoklappe (die ich vor vielen Jahren einmal gewerkelt hatte) zum Freiluftkino einluden. Auf dem Samstagabendprogramm stand "Pets".


In der Pause wurde - wie in jedem guten Kino - neben zahlreichen Knabbereien auch Eiskonfekt gereicht. Ist doch klar!




Als der Film zu Ende war und die Kinder bereits in die Planung eingestiegen waren, wer mit wem auf welcher Matratze wo im Kinderzimmer liegen darf, wurden sie zum Abschluss des Tages - oder besser zu Beginn der "Nacht" - zu einer kleinen Nachtwanderung eingeladen. 
Die per Einladung erbetenen Taschenlampen wurden gezückt, das Mückenspray großzügig gesprüht und dann ging es los auf einen kleinen, verwunschenen Trampelpfad in der Nähe unseres Hauses. 
Neben picksigen Brennnesseln, die mit reichlich Spucke bekämpft wurden, entdeckten die Mädchen auf unserer kleinen Wanderung eine große Eule im Baum, die vor sich hin schuhute und einen Igel, der unseres Weges kam. Perfekt, oder? Als hätte ich die beiden Komparsen als Live-Act dazu gebucht. Mädels und ich waren begeistert. Und müde. Also, ab nach Hause. 

Das Zubettgeh-Prozedere in einem 5 qm großen Badezimmer entpuppte sich für die Masse an Mädchen als leichte Herausforderung, aber gemeinsam brummende, elektrische Zahnbürsten und musikalisches Chor-Gegurgele brachte sie in Stimmung für die nächste Etappe - die gemeinsame Übernachtung im Kinderzimmer. 
Nach einer gute-Nacht-Geschichte wurde dort gejohlt, gelacht, gewühlt, gesungen, gequitscht, gelacht, gelacht und nochmals gelacht. Um 0:45 Uhr fand die "nächtliche Ruhestörung" endlich ein Ende und so ging auch ich zu Bett. Herzkönig schlief derweil schon seit Stunden!

Schlaftrunken wurde ich von einigen Mädchen gegen 7 Uhr (!!!) am Bett (leider ohne meinen obligatorischen Tee mit Milch) geweckt und genötigt, den hungrigen Mägen endlich (hä?) Frühstück zu bereiten. Ihr Wunsch war mir trotz dieser Unzeit Befehl. 
Gut, dass ich hier schon etwas vorgearbeitet hatte: frische Landmilch, Müsli- und Obstkreationen (Kirschen: frisch vom Baum) sowie frisch belegte Brötchen erwartete die Mädchen auf der Picknickdecke im Garten und während sie vergnügt über die vergangene Nacht plauderten, genossen sie ihr gemeinsames Outdoor-Frühstück.










So ging am späten Sonntagmorgen die Abschieds-Übernachtungs-Party der Grinsekatze zu Ende und nachdem alle Gäste geherzt und verabschiedet waren, blieb neben der Euphorie der vergangenen 24 Stunden dieses kleine traurige Gefühl zurück, dass dies ein echter Abschied war...

Mittwoch, 2. November 2016

...und noch einmal Laterne

Über meine Liebe zu Martinsumzügen habe ich mich ja schon im letzten Post hinlänglich ausgelassen. Ich finde, selbst für die Allerkleinsten ist es ein wohl besonderer Augenblick, eingemummelt im Kinderwagen, im Dunklen den hellen Lichtern zu folgen und leise den Martinsklängen zu lauschen.


Für einen perfekten Ersteinstieg ins "Martins-Genre" habe ich einem kleinen Erdenbürger eine kleine Löwenlaterne gebastelt. Wenn Sie Dir gefällt und Du für Deinen Mini-Sprössling mit einem DIY für den Laternenumzug gerüstet sein möchtest, hier meine Anleitung:

Als Löwenbändigerin benötigst Du:

🦁 2 kleine Pappteller (große tun es natürlich auch)
🦁 gelbes Transparent- oder Seidenpapier
🦁 2 Tortendeckchen in der Größe der Pappteller
🦁 gelb- und organgefarbene Wasser- oder Acrylfarbe
🦁 einen schwarzen Filzstift
🦁 Schere
🦁 Klebestift
🦁 Wackelaugen
🦁 etwas Blumendraht 
🦁 evtl. einige Wäscheklammern zum Fixieren




Zuerst schneidest Du aus den Papptellern mittig zwei große Kreise aus, so dass Tellerrand und kleiner Rand der "Essfläche" übrig bleiben. Die Pappteller malst Du nun auf der Rückseite mit gelber und orangefarbener Farbe an, am besten von innen nach außen, so dass sich eine Art Fellmaserung ergibt. Nun gut trocknen lassen. 
In der Zwischenzeit schneidest Du aus dem gelben Transparent-Papier zwei Kreise, die die ausgeschnittenen Kreise in Deinen Tellern abdecken. Hierbei solltest Du einen Radius von ungefähr 1 cm mehr berücksichtigen; er bildet die Klebekante.
Ebenso schneidest Du aus dem Papier eine Löwennase aus, die Du mit dem Klebestift mittig auf einen der Kreise klebst. Nun kannst Du das Löwengesicht mit einem schwarzen Filzstift gestalten: Schnute, Nase und Wangen können nach Lust und (Löwen-)Laune kreiert werden. Die Wackelaugen können jetzt aufgesetzt werden. 
Jetzt kannst Du das Löwengesicht von innen in einen der Pappteller einkleben; auf dem zweiten Pappteller, der  den Hinterkopf des Löwen darstellt, platzierst Du den noch freien Papierkreis mit dem Klebestift. Gut andrücken.



Nun verklebst Du beide Pappteller miteinander. Die Wäscheklammern helfen, dass die Pappteller nicht verrutschen und gut miteinander fixiert werden.
Ist auch dieser Trocknungsvorgang beendet, schneidest Du oberhalb des Löwenkopfes eine kleine Öffnung in die Pappteller: hier wird das Laternenlicht durchgeführt.
Rechts- und linksseitig der Öffnung machst Du mit einer spitzen Schere, einer dicken Nadel oder einer Lochzange nun zwei kleine Löcher. Hier wird der Blumendraht für die Aufhängung durchgeführt. Beim Fertigen der Aufhängungsschlaufe achte darauf, dass sie den korrekten Abstand zur Laterne hat, so dass das Laternenlicht später mittig im Inneren des Löwengesichts leuchtet.

Zum Schluss bekommt das Löwchen seine Mähne: aus einem der Tortendecken schneidest Du mittig einen Kreis aus, der so groß sein sollte, dass er sich über das Gesicht des Löwen legen lässt. Das ganze Tortendeckchen verwendest Du für die Mähne des Hinterkopfes. Den Kreisrand der Tortendeckchen mit Kleber versehen und vorsichtig auf die Vorder- und Rückseite aufkleben. Das macht einen niedlichen 3-D-Effekt und den Löwenkopf plastischer!











So, Laternenstab und Ersatzbatterien bereit halten, Handschuhe und Wegzehrung einpacken und dann ab auf den Martinszug. "Tierisches" Vergnügen wünscht

Katja


Dienstag, 1. November 2016

Laterne, Laterne....

Sankt Martin - eines meiner wunderbarsten Highlights aus Kindertagen - wird hier (im tiefen Osten der Republik), was magische Vorfreude und Kreativität beim Laternenbasteln angeht, eher nachlässig behandelt, finde ich. 

Erinnere ich mich zurück, so liebte ich es als Kind, aus alten, angesammelten, runden Käsekartons, Wachs- und Transparentpapier, Wachsmalern (die man bügeln konnte) und lange im voraus getrockneten Blättern Laternen zu fertigen. Auch, wenn sie längst nicht mehr existent sind, so habe ich sie noch genau vor Augen. Und zum Glück erinnert mich meine Fotokiste an die wundervollen Laternen-Umzüge im Dunkeln mit der ganzen Familie - und meinem Freund Mark, mit dem ich anfangs zögerlich, dann aber stimmgewaltig alle im Kindergarten erlernten Martinslieder geträllert habe.
Ich erinnere mich auch, dass beim Umzug schon einmal das liebevollst gebastelte, leuchtende Kleinod einem Kerzenfeuer zum Opfer fiel, denn batteriebetriebene Leuchtstäbe waren Teufelszeug - oder noch gar nicht erfunden. Aber das ist lange her.



Aus Kindergartentagen meines Grinsekätzchens habe ich in schauriger Erinnerung, dass jedes Jahr im Spätherbst Fertiglaternen nebst Kleber und Glitzersteinen auf den Basteltischen ausgelegt waren und diese das heitere Laternenbasteln gemeinsam mit den Eltern einleuteten. Grrrrr. 
Im ersten Jahr verließ ich, lieblos vorbereitete Basteltische boykottierend, den "geselligen" Eltern-Bastelabend unverrichteter Dinge und ward in den Folgejahren nicht mehr gesehen. Also zum Basteln. Denn bei so etwas bin ich nachtragend!

Nachdem meine ambitionierten Vorschläge, gemeinsam mit den Kindergartenkindern regelmäßig zu basteln, im Nichts verhallten (nein, ich wollte den Vorstadt-Pädagogen die kreative Kompetenz nicht streitig machen, sondern nur  meine Leidenschaft einbringen und bei den Kindern wecken), entschied ich, mit dem Grinsekätzchen und seinen Freunden selbst zu basteln - u.a. mit Käsekartons und Wachsmalern und allem Nützlichen, was uns aus unserer Bastelkiste und den Recyclingboxen noch in die Hände fällt. 

Eine Laterne, die meinem Grinsekätzchen in den Jahren am meisten ans Herz gewachsen ist und die bereits im 3. Jahr  - weil nahezu unkaputtbar - wieder zum Einsatz kommen darf (auch im Gartenhäuschen und als Nachtlicht), ist das folgende Exemplar, dessen es nicht viel an Material bedarf - sondern nur an etwas wichtelwaldmagischer Phantasie... 


Für die Laterne haben wir festen, roten und grünen Filz verwendet, weiße Moosgummi-Reste, zwei Marienkäfer aus Holz, eine kleine, leere Sahneflasche, etwas Draht, (Heiß-)Kleber und eine Bastelschere.
Zunächst haben wir mit Hilfe eines entsprechend zur Größe der Sahneflasche passenden Tellers eine runde Schablone auf den roten Filz gezeichnet und den Kreis ausgeschnitten. In dessen Mitte haben wir nun mit dem Deckel der Sahneflasche einen weiteren Kreis eingezeichnet und ebenfalls ausgeschnitten. Zum Ausschneiden darf ein gerader Schnitt durch den Kreis in die Mitte erfolgen. Er bildet die Legekante.
Danach wird der Kreis so um die Öffnung der Milchflasche gelegt, dass er ein schönes Pilzhütchen ergibt. Lappen dabei Filzenden übereinander, dürfen sie bis auf eine ausreichend große Klebekante eingekürzt werden.  
Den Filz haben wir an der Flaschenöffnung und am überlappenden Rand mit Heißkleber fixiert.
Das weiße Moosgummi durfte für die Punkte herhalten; wir haben hieraus in beliebigen Größen Kreise ausgeschnitten und ebenfalls mit Heißkleber auf dem Pilzhütchen befestigt.
Aus dem grünen Filz haben wir ein längliches Rechteck ausgeschnitten, das sich einmal um den unteren Bauch der Sahneflasche legen lässt. 
In eine der Längsseiten haben wir lange Grashalme geschnitten, so dass sie 2/3 des Filzes einnehmen. Das restliche 1/3 ist die Klebekante, die am unteren Sahneflaschenrand ebenfalls mit Heißkleber befestigt wird. Die Grashalme stehen nun leicht ab und betten den Pilz in saftigem Grün. Zwei einsame Holzkäfer aus unserer Bastelkiste dürfen sich hier laben.


So, fast fertig. Damit die niedliche Pilzlaterne auch fröhlich am Laternenstab baumeln kann, haben wir um das Gewinde der Sahneflasche Draht mit einer Schlaufe befestigt.


Jetzt kann der Pilz bei Wind und Wetter ausgeführt werden!  Auch indoor macht er sich gerade zur Herbstzeit herrlich. Gern auch im Ensemble mit seinen Artgenossen.

Eine einfache, schnelle und niedliche Bastelidee für Kinder ab 3-4 Jahren.


Sonntag, 3. Januar 2016

Irgendwie fängt irgendwann, irgendwo die Zukunft an...

Ich erinnere mich noch genau an den Tag vor fünf Jahren, als wir den großen 40 Tonner mit all meinen Ruhrpott-Präziosen voraus schickten und uns zu dritt auf die Fahrt in ein neues Abenteuer einließen. Das Abenteuer Berlin. Oder besser: Berliner Vorstadt. (Ein himmelweiter Unterschied, wie ich erst jetzt weiß.)
Mein Herzkönig hatte im Vorfeld wochenlang mein "räumliches Packvermögen" belächelt und behauptete während der Umzugsplanung, ein 7,5 Tonner würde absolut ausreichen. Als Berufspendler kannte er meine Schrankesfülle und die eines kleinen Grinsekätzchens schlecht. 

Als wir am frühen Nachmittag das grandiose Gewucher des Ruhrpotts hinter uns ließen, überlegte ich, ob es richtig war, dem Umzug in die Peripherie der Hauptstadt zuzustimmen. Ja, ich erinnerte mich, ich hatte dem Umzug zugestimmt, auch wenn ich es nicht so gemeint hatte. Die Hormone hatten mein Hirn zerfressen, hatte ich doch erst zehn Monate zuvor unser kleines Grinsekätzchen zur Welt gebracht.
Sie saß ungrinsend, fast fauchend, in ihrem Kindersitz und verlangte nach Milch, während ihr die Palme aus dem Kofferraum, die nicht mehr in den Umzugswagen gepasst hatte, durch das Gesicht wedelte.

Die geschäftige A2 hob meine Laune nicht gerade. Überall nur Hinweisschilder "Achtung, Stau!", "soundsoviele Unfalltote in diesem Jahr" und ein Kampagnenschild am Straßenrand mit zahlreichen Aasgeiern auf einem Ast mit der Überschrift "Hallo Raser, wir warten."
Vermutlich sollten sie bewirken, dass wenn man ankommt, denkt: Es könnte schlimmer sein. Ich hatte verdammtes Glück, dass ich nicht tot bin!
Ja. Sie warteten. Stetig und beharrlich auf der A2. Jeden Tag. Und nicht nur auf Raser. Sie warteten auf mich, mein Leben. Mein Leben in der Ödnis der Berliner Vorstadt.

Der Radiosender spielte Nena´s 80er Jahre Song "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Ich fühlte, dass dieses Lied, das mich durch meine frühe Jugend begleitet und mir schier tosenden Applaus bei meiner ersten Jazzdance-Vorführung im Kinderhort eingebracht hatte, genau diesen Moment meines Lebens widerspiegelte:

Im Sturz durch Raum und Zeit, Richtung Unendlichkeit,
Fliegen Motten in das Licht, genau wie du und ich.
Irgendwie fängt irgendwann, irgendwo die Zukunft an, ich warte nicht mehr lang.
Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange nach,
Wir fahr´n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht.
Gib mir die Hand, ich bau Dir ein Schloss aus Sand,
Irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Die Zeit ist reif für ein bisschen Zärtlichkeit, irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Im Sturz durch Zeit und Raum, erwacht aus einem Traum,
Nur ein kurzer Augenblick, dann kehrt die Nacht zurück.
Gib mir die Hand....

Nun gut. Auf "Feuerrädern" fuhren wir nicht, sondern im eigens für das Grinsekätzchen angeschafften Großraummobil. Und auch das "Schloss aus Sand" entpuppte sich glücklicherweise als solide Vorstadtvilla aus den 1889ern. Also, warum so kleinlich?

Berlin, pardon: Berliner VORSTADT, schien mir als Ruhrpottmädchen die Unendlichkeit. (Der irritierte Leser mag jetzt denken "Mein Gott, war die etwa noch nie weg aus ihrer Heimat?". "Doch,", sage ich, "war ich. Aber niemals auf so unbestimmte Zeit....") Weit weg von meiner großen, verrückten Sippe und all meinen Freunden. Weit weg von meinem 24/7-Job, meinen lieben, stets mitleidenden Kollegen und der Geschäftigkeit meines bisherigen Alltags. 
Von Hundert auf nahezu Null: Vollzeitmutter, Homemakerin und Geiergejagte. "Kann das gut gehen?", fragte ich mich damals. 
Und "wird das noch gut gehen?", frage ich mich heute...